Karmann zu verkaufen - bieten wir mit?

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Sven
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AW: Karmann zu verkaufen - bieten wir mit?

Beitrag von Sven »

Es gibt auch genügend deutsche Kleinserienhersteller...

Wiesmann, Melkus, Gumpert (Apollo), Irmscher...

Karmann hätte auch das Zeug dazu gehabt und hat ja auch in regelmäßigen Abständen interessante Studien herausgebracht.
Leider ging keine davon in Serie. :-(

MfG, Sven. :wink:
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klimarocco
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AW: Karmann zu verkaufen - bieten wir mit?

Beitrag von klimarocco »

Auf die durch bemerkenswert überzeugenden Sachverstand glänzende "wirtschaftliche Analyse" von suran erspare ich mir einzugehen. Das Thema Karmann ist im übrigen einigermassen komplex: Hier ist kein Familienunternehmer aus dem Hause Karmann mehr an der Spitze, der mit Herzblut bei der Sache ist. Natürlich garantiert auch das keinen wirtschaftlichen Erfolg in turbulenten Zeiten, schafft aber eher Solidarität und Gemeinschaftssinn als eine Situation, wo von Erbengemeinschaften eingekaufte Geschäftsführer mit nicht eben langer Halbwertzeit die Geschicke des Unternehmens in der Weise leiten sollen, dass für die Gesellschafter-Familien am Ende ein guter materieller Profit übrig bleibt.

Letztlich geben die Eigentümer auch die Spielregeln und Ziele vor, die der beauftragte Vorstand zu verfolgen hat. Die Rezeptur, herstellerneutral Dienstleistungen für Automobilmarken anbieten, zu denen jahrzehntelang auch die Montage ganzer Fahrzeuge gehört, erfordert eine flächendeckende Vertrauensbasis und Verschwiegenheit bei allen Projekten. Das muss Karmann gelungen sein und ist diesem Unternehmen und den Beschäftigten dort jahrzehntelang bestens bekommen. Ob ausgerechnet diese Strategie heute zum Verhängnis wird?

Ob Karmann in den 50er oder 60er Jahren den Weg der meisten Mitbewerber hätte gehen und eine eigene Marke mit eigenem Vertrieb und eigenen Werkstätten hätte aufbauen sollen? Was ist von den Marken aus dieser Zeit bis heute übrig geblieben? Wer als guter Techniker nicht auch guter Kaufmann war, ging wie Borgward oder Hanomag - viel grösser als Karmann zu seinen besten Zeiten - mit Mann und Maus unter. Wer Glück hatte, wurde von wenigen Grossen, die heute noch grössere Probleme haben, übernommen (Glas, NSU, DKW), ging in der neuen Mutter auf, aber mit seinem Namen restlos unter. Nur wenige Namen wie etwa Audi sind geblieben.

Es gibt kaum eine Automarke, für die Karmann nicht entwickelt und oft auch gepresst, lackiert und montiert hat. Die Absatzmengen bestimmt der Markt. Und wenn ein Auftrag im Raum steht, kann eine herstellerneutrale Autoschmiede ein Angebot machen - oder nicht: Dann bekommt von Vornherein ein Wettbewerber den Auftrag.

A4-Cabrio, Crossfire und CLK gingen im Finale an Karmann. Alle drei passten damals zum gewünschten Image derjenigen, die bei Karmann das Sagen haben. Die heutigen gesamtwirtschaftlichen Kapriolen wurden seinerzeit unterschätzt. Die Folgen der seit etwa 2 Jahren erst grossflächig aktuellen Schadstoffdiskussion wurden zudem damals nicht abgesehen. Die letzten Auftraggeber von Karmann haben darauf nicht mit der gebotenen Konsequenz reagiert. Und durch die Abwrackprämie boomt die Nachfrage nach anderen Fahrzeugen als CLK, was leicht verständlich ist.

Wir sollten Karmann nicht unterschwellig vorwerfen, nicht vertragsbrüchig geworden zu sein. Nicht alle Mosaiksteinchen in der Entwicklung der letzten Jahre sind hausgemacht. Und zum Verkaufen des Unternehmens hätten die Gesellschafter in den vergangenen 10 Jahren sehr viele günstigere Zeitpunkte wählen können.

Mit den von Eric genannten Nischenfabrikanten hat eine Autoschmiede nicht viel gemein, die in 7 Jahren mehr als 500.000 Roccos fertigt und dazu weitere Fahrzeuge presst und montiert! Karmann hat früher Pferdekutschen, Jagdwagen, parallel dazu Autos, dann Flugzeugteile hergestellt. Vielleicht mangelte es im Finale der Fahrzeugmontage an Phantasie und Mut, über den Zaun des Automobilbaus hinauszuschauen. Aber die verantwortlichen Kaufleute brauchen auch dafür das Einverständnis der Eigentümer des Unternehmens, um sondieren zu dürfen, was sie und ihre Mitarbeiter zu können glauben...
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klimarocco
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AW: Karmann zu verkaufen - bieten wir mit?

Beitrag von klimarocco »

Dirk zeigt eine Möglichkeit von vielen, wo es einen Markt gibt. Der Ghia von Karmann ist Kult. Darauf kann man aufbauen. Aber ohne Partner, ohne Händler- und Werkstättennetz, ohne flächendeckende Ersatzteilversorgung wird es schwierig, ein gutes Image zu halten. Partner heute? Ideengeber wie Henry Ford oder Adam Opel gibt es nicht mehr. Denen stand ihre Arbeit damals näher als der Börsenkurs.

Als der langjährige Konstruktionschef von Karmann (damals 79) vor zwei Jahren das erste Mal einen Scirocco und einen Corrado mit Anhänger als "hinterer Hälfte" sah, war gleich eine Idee geboren: ein typreiner PKW-Anhänger - made bei Karmann, gebaut aus Teilen, die es fast alle schon im Serienfahrzeug gab, natürlich nicht fahrzeughoch (CW-Wert), aber bis etwa zur Fensterkante. Sieht edler aus und passt besser zum Zugfahrzeug als alles, was der Markt heute bietet. Passt viel mehr rein als in eine Dachbox. Lässt sich herstellerneutral fertigen. Zunächst gäbe es keine Wettbewerber. Wie bei neueren Wohnwagen ist eine Zulassung für Tempo 100 vorstellbar, was für Urlaubsreisen mit viel Gepäck durchaus reichen dürfte.

Eine sinnvolle Potentialschätzung ist finanziell sicherlich darstellbar, war aber offenbar nicht gewünscht: Kein Gesellschafter von Karmann hat in den letzten Jahren je laut und überzeugend gesagt, dass er den Fahrzeugbau bei Karmann erhalten möchte, der sich immer durch Überraschungen auszeichnete, der seit jeher von unerwarteten Höhen (Scirocco 1), ungeahnten Tiefen (Crossfire) und Unwägbarkeiten geprägt war.
Eugen
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Beitrag von Eugen »

Danke für die tollen Beiträge, Martin.
Letztlich war es sicher ein Mix aus Fehlern, verpassten Abzweigen, nicht getroffenen Entscheidungen und der allgemeinen Martkentwicklung, die Karmann in die Knie gezwungen haben. Was da im Hintergrund gelaufen ist bzw. läuft ist uns schließlich auch nicht bekannt um das Puzzle komplett zusammenzusetzen.
Ich denke aber schon, dass ein Ausweg die Kleinserie hätte sein können. Seien es neue Ghias, Anhänger oder sonstige Dinge. Das kann zwar das Gesamtunternehmen nicht retten bzw. wahrscheinlich nicht alle Arbeitsplätze erhalten, aber es hätte evtl. die Produktionsstätten, Werkzeuge etc. erhalten können.
Es ist eben sehr gefährlich sich auf nur einige wenige Abnehmer zu verlassen bzw. von ein oder zwei Aufträgen komplett abhängig zu sein.
Ideengeber gibt es auch heute noch, jedoch schaffen diese es kaum noch auf den Markt, weil sie kaum Investoren finden. Auch Investoren lenken ihr Geld dorthin, wo es die meiste Rendite verspricht. Und das sind kurzfristig garantiert keine Tüftlerideen. Diese könnten langfrristig durchaus lukrativ sein, aber auch das Management von Banken etc. hat mittlerweile eher kurze Halbwärtszeiten und jeder schaut natürlich, dass der Ertrag noch in seiner Amtszeit eingefahren wird.
Das Fehlen von Treibern ist kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Interessant wie man von Karmann zur Philosophie kommt. Letztlich sind das aber alles Teile aus einem Megapuzzle, welches wohl niemand vollständig zusammensetzen kann.

Das Thema "wir haben die CO2-Debatte so nicht erwartet" kann ich nicht mehr hören. Bereits um die Jahrtausendwende sagten zahlreiche Markt- und Technologiebeobachter diese Entwicklung für genau diese Zeit voraus. Dass sich niemand darauf eingestellt hat zeigt die Ignoranz und die absolut verkehrte Schwerpunktwahl der gesamten Automobilindustrie. Wenn wir da weiterdenken, kiommen wir wieder zum Thema Rednite und Kurzfristigkeit.

Gruß
Eugen
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