Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

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klimarocco
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Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von klimarocco »

Einige haben´s auf Satzvey schon mitbekommen: Die Karmann-Fahrzeugsammlung sei an einen ungenannt sein wollenden Investor aus Süddeutschland verkauft. Recherchiert habe ich diese Info noch nicht - angesichts der kaum mehr vorhandenen Ansprechpartner bei Karmann ist das auch nicht ganz einfach. Was macht so ein Investor mit so einer Sammlung von Unikaten, jedes Einzelne im Top-Zustand, nicht nur die 53er? Meistbietend in alle Welt abgeben? Der eine oder andere weiss, dass auch der Keller des Gebäudes proppenvoll mit erstklassigen Fahrzeugen aus guter Karmannzeit war; man konnte die Ausstellungshalle 3 x füllen.

Mehr als 1.500 Mitarbeiter wurden in den letzten Monaten verabschiedet. Eine Transfergesellschaft mit Minimalausstattung kommt in letzter Sekunde in Gang. Problemlos finanziert werden hätte sie können, wenn Mercedes die Hälfte seiner ausstehenden Rechnungen bei Karmann beglichen hätte. Ist die Fahrzeugsammlung auch ein Opfer der Nobelmarke mit dem Stern? Was auch immer die einmalige Sammlung aus Prototypen, Einzelstücken und Finalen der Serienproduktion am Ende aktuell gekostet hat: Wertlos und umsonst waren die beachtenswerten Zeugnisse Osnabrücker Automobilgeschichte ganz sicher nicht.

In der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 1. Juli lesen wir:

Transfergesellschaft bei Karmann kommt
dpa Osnabrück.

Nach wochenlangen Verhandlungen können 1540 Mitarbeiter des insolventen Cabrio-Spezialisten Karmann aufatmen: Am späten Dienstagabend stimmte der Gläubigerausschuss der Einrichtung einer Transfergesellschaft zu.

Davon profitieren die Mitarbeiter, denen Karmann wegen der Aufgabe des Fahrzeugbaus am Stammwerk Osnabrück gekündigt hatte sowie 300 Beschäftigte, die im Zuge des Insolvenzverfahrens ihre Job verlieren. Das sagte der Chef der Osnabrücker IG Metall, Hartmut Riemann.

„Wir haben nun eine soziale Mindestabsicherung erreicht“, sagte Betriebsratsvorsitzender Wolfram Smolinski. Insolvenzverwalter Ottmar Hermann will Karmann mit rund 1500 Beschäftigten fortführen. Hermann sei es in „letzter Sekunde“ gelungen, 15,5 Millionen Euro für die Transfergesellschaft sicherzustellen. Alle Möglichkeiten der Finanzierung seien ausgelotet und verhandelt worden, sagte Riemann.

Die Mitarbeiter sind für ein halbes Jahr in der Transfergesellschaft, in der sie für den Arbeitsmarkt weiter qualifiziert werden sollen. Sie bekommen Transferkurzarbeitergeld in Höhe von 60 beziehungsweise 67 Prozent des zuletzt gezahlten Nettoeinkommens. „Die Höhe bestimmt sich danach, ob jemand Unterhaltszahlungen leisten muss oder nicht“, erläuterte Riemann.

Die Verhandlungen um eine Transfergesellschaft standen unter einem großen Druck, weil sie zum 1. Juli ihre Arbeit aufnehmen musste. Sonst wären die bereits gekündigten Mitarbeiter ohne weitere Abfederung arbeitslos geworden. Eigentlich sollte die Qualifikationsgesellschaft bereits im April ihre Arbeit aufnehmen. Das wurde durch die drohende Zahlungsunfähigkeit Karmanns kurz vor Ostern verhindert. Die Insolvenz hatte Karmann damals auch mit den Kosten für die Transfergesellschaft begründet.

Riemann äußerte nochmals Kritik an dem Autobauer Mercedes. Dieser habe Rechnungen an Karmann nicht bezahlt und damit die Gründung der Transfergesellschaft über lange Zeit blockiert. Das letzte Mercedes CLK-Cabrio war in der vergangenen Woche vom Fließband in Osnabrück gerollt. Damit endete die mehr als einhundertjährige Geschichte des Autobaus in Osnabrück. Künftig soll sich Karmann auf Cabrio-Verdecke, die Fahrzeugentwicklung und den Werkzeugbau konzentrieren.
Friesenpöler
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AW: Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von Friesenpöler »

es tut irgenwie einfach nur im Herzen weh....
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nsu481
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AW: Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von nsu481 »

Das ist ja krass!

Ohne jetzt selber vorher gegoogelt zu haben (das werde ich morgen früh nachholen), aber ist diese Information bzgl. der Fahrzeugsammlung denn gesichert? Normalerweise gehört doch auch diese in die Konkursmasse, kann also eben nicht mal eben „schnell für ein paar Piepen an einen Käufer verschleudert werden"...

Wie gesagt, morgen hab ich mich vielleicht selbst schlauer gelesen, aber diese Reaktion wollte ich jetzt unbedingt spontan loswerden... ;)
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klimarocco
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AW: Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von klimarocco »

Die Fahrzeugsammlung war lange Zeit eine private Angelegenheit von Wilhelm Karmann und seinem Vater selben Vornamens. Nur zu besonderen Anlässen durfte jemand die Sammlung betreten, die auch dazu genutzt wurde, Verträge über gute Autos vor einer imposanten Kulisse unter Dach und Fach zu bringen, die die Leistungsfähigkeit des "Autobauers mit Leib und Seele" und seiner Weggefährten bewies.

Wilhelm Karmann ist lange begraben. Nachfolger Thieme, der Mann mit Fahrzeugsitzerfahrung (Recaro) und flinker Zunge, ermöglichte den Zugang zur Sammlung über den Besuchsdienst, was auch uns den Weg ebnete, seit dem 5. Forumgeburtstag und bei den Pfingsttreffen in Osnabrück bis einschliesslich 2008 den Teil der Unikate zu erleben, die jeweils gerade in der Ausstellungshalle standen oder extra für uns von Heinrich Breford und seinem Nachfolger da hinein gestellt worden waren.

Karmann hat bis in die 90er Jahre fast immer extravagante Fahrzeuge gebaut, die unkompliziert und für grössere Bevölkerungskreise bezahlbar waren. Thieme, der die jahrzehntelange Freundschaft von Karmann zu Volkswagen in der gewiss nicht unkomplizierten Ära Piech nicht weiterentwickelt hat, holte die Nobelkarossen-Aufträge von Daimler-Chrysler und mahnte bald danach und noch einmal zu seinem Start in den Ruhestand, dass alle grossen Aufträge fast zeitgleich auslaufen würden. Thieme nannte Karmann eine atmende Fabrik. Das ist rund 7 Jahre her. Jetzt hat Karmann sehr tief ausgeatmet. Wer überleben will, darf aber das Einatmen nicht vergessen.

Nicht immer bewahren die Erben dem Verschiedenen ein würdiges Andenken. Was interessiert diejenigen, die heute leben, was Uropa, Opa und Vater seligen Gedenkens geschaffen haben?! Wofür und für wen eine Fahrzeugsammlung, wenn die oberste Heeresleitung des Unternehmens entschieden hat, keine Komplettmontage von Autos mehr durchführen zu wollen? Die Fahrzeugsammlung - vielleicht gefühlt ein nebensächlicher Klotz am Bein, ein unternehmerisch verzichtbares Überbleibsel aus naher und ferner Vergangenheit - mag irgendwann Haftungsmasse geworden sein und stand mit der Insolvenz damit vor der Verwertung.

Die fast neue Lackiererei - eine der modernsten in der Branche - wird einzumotten versucht. Entgegen der Planung der inzwischen weitgehend ausscheidenden letzten Geschäftsführung versucht der Insolvenzverwalter, wenigstens einen Teil des Werkzeugbaus als 3. Säule zu erhalten. Da hängen trotz Schrumpfung mehrere Hundert Beschäftigte mit ihren Familien dran, die schon so gut wie entlassen waren. Hat da jemand erkannt, dass es noch nie geschickt war, die Teller zum Fenster hinauszuwerfen, von denen man später einmal essen will?

Martin
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Tempest
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AW: Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von Tempest »

Oh nein :cry: :cry:

Gut, dass wir es noch mal letzten September geschafft haben, scheint echt das letzte Mal gewesen zu sein :erschrecken:

Tempest
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klimarocco
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AW: Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von klimarocco »

In Sachen Fahrzeugsammlung bin ich nun doch ein wenig weiter, habe aber Verschwiegenheit zugesichert, wofür ich um Verständnis bitte.

Wichtige Gespräche über Wohl und Wehe soll es Mitte Juli geben. Und über etwas, was es bereits nicht mehr gibt, würden sich wichtige Gespräche erübrigen...

Ihr werdet hier im Sciroccoforum also weiterhin informiert.

Martin
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klimarocco
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AW: Sciroccobauer Karmann im Juli 2009 / Ende der Fahrzeugsammlung?

Beitrag von klimarocco »

Quelle: Osnabrücker Nachrichten vom 5.7.2009

VW-Vorkasse beendet Hängepartie - 05.07.2009
Transfergesellschaft für 1540 Karmann-Mitarbeiter steht – 6 Monate Laufzeit

Osnabrück (eb) – Die Transfergesellschaft für die bei Karmann gekündigten Mitarbeiter ist überraschend doch zum 1. Juli gestartet worden. Buch-stäblich in letzter Minute konnten die fehlenden 15,5 Mio. Euro aufgebracht werden.

Der Betrag dürfte von VW überwiesen worden sein, der einen Forschungsauftrag in zweistelliger Millionenhöhe erteilt und die vereinbarte Summe bereits überwiesen haben soll, wie die Neue OZ berichtete. Nach wie vor offen sei die Rechnung über 40 Mio. Euro, die Daimler an Karmann zu zahlen hat.
Mit der VW-Vorkasse endete für die 1540 gekündigten Karmann-Mitarbeiter die Ungewissheit, ob es noch zu einer sozialen Mindestabsicherung kommt, oder ob sie direkt den Weg in die Arbeitslosigkeit antreten müssen. Der Gläubigerausschuss hatte am späten Dienstagabend die Zustimmung zur Transfergesellschaft beschlossen.

„Glücklicherweise verhalten sich nicht alle Geschäftspartner so skrupel- und gewissenlos wie Mercedes“, macht Hartmut Riemann, 1. Bevollmächtigter der IG Metall, seinem Ärger über den Stuttgarter Autobauer Luft, „der durch die Nichteinhaltung seiner Zahlungsverpflichtungen gegenüber Karmann die Gründung der Transfergesellschaft bislang blockiert hat“.

Bei der jetzigen Finanzierung hat sich der Insolvenzverwalter „mühsam wie ein Eichhörnchen, was Nüsse zusammenscharrt, durch die Welt der Geschäftspartner der Fa. Karmann gearbeitet und die Euros einzeln eingesammelt“, lobt Riemann das Engagement des Insolvenzverwalters.
Die Transfergesellschaft hat eine garantierte Laufzeit von 6 Monaten je Mitarbeiter, die während dieser Zeit eine Vergütung in Höhe von 60 % bzw 67 % von ihrem letzten Nettoeinkommen in Form von Transferkurzarbeitergeld erhalten.
In der Transfergesellschaft sollen Qualifizierungsmaßnahmen angeboten werden. Bei der Finanzierung setzen der Betriebsrat und die IG Metall auf die Unterstützung aus der Politik. „Wir haben nun eine soziale Mindestabsicherung erreicht“, bewertet Betriebsratsvorsitzender Wolfram Smolinski die Transfergesellschaft und hebt als wichtigsten Vorteil für die Betroffenen hervor, „dass neben der besseren Vermittlungschance der Status der Arbeitslosigkeit später eintritt“.
Gleichzeitig bedeutet die Transfergesellschaft auch, dass Karmann für mögliche Investoren nun wieder interessanter wird, da davon auszugehen ist, dass sich durch die Transfergesellschaft ein Großteil der 1000 Kündigungsschutzklagen automatisch erledigen wird.
„Die Perspektiven für eine bessere Zukunft sehen für Karmann nun wieder besser aus“, so Smolinski, der gleichzeitig die Automobilindustrie aufrief, „Karmann mit der Vergabe von Aufträgen zu unterstützen“.
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