Nun kennt man ja die kleinen Mängel, die der eigene Rocco so hat, und weiß, dass der ein oder andere Mangel zumindest als ein geringer im Prüfbericht aufgeführt werden wird - wenn nicht sogar das ein oder andere Kriterium zum K.O. und zur Verweigerung der heiß ersehnten Plakette führt.
Ich wusste also, dass da dieser Rostansatz an der Stelle ist, wo vorne links der Wagenheber angesetzt wird, die linke Achsmanschette von der Konsistenz her Liz Taylors Gesichtshaut vor der letzten Schönheits-OP gleicht, die Keilriemen vom Alter mittlerweile auch in Deutschland wahlberechtigt sein dürften, der Auspuff kurz vor der Schwerhörigkeit steht - zumindest wurde seine Aussprache schon zunehmend lauter - und da noch die Kleinigkeiten wie nicht funktionierende Spritzdüsen sind (eine ausgerechnet im Sichtfeld des Fahrers und der Totalausfall hinten, aber wer braucht die schon?).
So fuhr ich also zur Dekra, in der Hoffnung, mit nur geringen Mängeln zu bestehen, aber der bangen Erwartung, dass es auch schlimmer kommen könnte.
Rein in die Halle, Lichttest.
"Leuchtweitenregulierung hat der noch nicht, oder?"
"Doch, hat er."
"Oh." [erstauntes Augenbrauenhochziehen]
Nach dem Lichtcheck setzt sich der Prüfer rein, fährt zum Bremsen- und Fahrwerksprüfstand und testet dabei direkt die Wisch-Wasch-Anlage. Wie erwartet war zwischenzeitlich nicht der Gott der Spritzdüsen in mein Auto gefahren, die eine Düse auf der Fahrerseite verweigerte nach wie vor ihren Dienst. Über die hintere Anlage schien der Prüfer eine ähnliche Meinung wie ich zu haben - er testete sie nämlich nicht. Vielleicht hat er sie auch nur übersehen, jedenfalls freute mich diese Kleinigkeit schon mal.
Dann rauf auf die Bühne, der Prüfer steigt aus.
"Hach, der gute alte Scirocco ..." (in mir keimte ab da langsam das zarte Pflänzchen der Hoffnung, den richtigen Prüfer am richtigen Tag erwischt zu haben)
Es folgte ein kurzes gemeinsames Ablästern über die Modellpolitik von VW unter besonderer Berücksichtigung des nahenden Scirocco III und dann der Blick in den Motorraum.
Sein Blick glitt über alte Keilriemen (s.o.), Schwitzstellen an den üblichen Stellen und mit Tape umwickelte Ansaugschläuche: "Das ist wenigstens noch ein Motor!" (meine Erleichterung wurde langsam größer und die Hoffnung auf die Plakette wuchs)
Dann fuhr er die Bühne hoch und ich dachte: "Jetzt kommt's ..."
Sein Blick glitt über den Antriebsstrang (samt Manschetten) und rund gelutschte Überwurfmuttern an der Bremsleitung links - ohne Kommentar, wobei ich mir nicht sicher war, ob ich das jetzt als gutes Zeichen werten sollte.
Dann ging er nach hinten und ich hörte ein: "Der Endtopf ist aber fertig, da ist innen drin alles weg und lose. Da ist mal ein neuer fällig."
Meine Hoffnung schwand ...
... und stieg wieder leicht, als er fragte:
"Ist das alles noch original? Das ist ja sehr gut erhalten. Sollten sie auf jeden Fall pflegen und erhalten das Auto, eine bessere Wertanlage gibt es nicht", gefolgt von Tipps zum Lack ("Rot ist ja schon immer eine schwierige Farbe gewesen, besonders das alte VW-Rot.").
[eifrige Zustimmung meinerseits]
Dann will er die Bühne runterlassen und entdeckt ein Metallstück, das vorher noch nicht da lag. [kurzer Schock meinerseits] Es war aber nur die Halterung der Lampe von der Bühne, worauf ich mir ein: "Wohl schon länger nicht mehr beim TÜV(!) gewesen, die Bühne, was?", nicht verkneifen konnte. Aber ich hatte ihn richtig eingeschätzt und auch er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Dann ging er rein, um die AU-Werte für meinen Rocco nachzuschlagen, was er anscheinend gleich genutzt hat, um seinem Kollegen mitzuteilen, was für ein Auto er da gerade zur Prüfung hat. Jedenfalls kam der dann auch gleich in die Halle, schaute sich mein Auto an und ging dann zum Motorraum.
"Ist das der 1,8er?"
"Ja."
"Wieviel PS hat der?"
"95"
"Ist ja auch unkaputtbar die Maschine, was?"
"Ja, heißt nicht umsonst Bauernmotor."
[beiderseitiges Gelächter]
"Da kann man wenigstens noch selbst was machen ...", und ging wieder.
Dann kam noch die AU und der Prüfer bat mich rein in sein Büro. Es sah also anscheinend gar nicht so schlecht für mich aus, die Plakette rückte in greifbare Nähe.
Als dann aber der Prüfbericht ausgedruckt wurde, auf dem ich schon das "ohne festgestellte Mängel" las, musste ich mich schwer zurückhalten, um nicht laut aufzulachen und mit meinen Mundwinkeln die Ohrläppchen zu besuchen ...
Dann kamen noch die Plaketten drauf und der Prüfer verabschiedete mich mit: "Aber den erhalten Sie, sonst werde ich böse!"
Mein euphorisches Gefühlschaos, als ich vom Hof fuhr, entlud sich nur noch in einem: "GEIL! GEIL, GEIL, GEIL! GEEEIIIL!!!" Am liebsten wäre ich ja ausgestiegen und hätte das Blech meines Rocco rundherum abgeknutscht, beschloss aber, diesen intimen Moment auf später zu verschieben und nicht auf dem Hof der Dekra zu zelebrieren.
Aber mal gucken, vielleicht darf Rocco heute ausnahmsweise mal mit im Bett schlafen ...